Dringend. Wichtig. Richtig.
Warum „dringend“ oft nur Lärm ist, „wichtig“ ein Wunsch bleibt – und „richtig“ die einzige Kategorie ist, die Projekte wirklich voranbringt.Es gibt drei Zustände, in denen Arbeit zu einem Naturereignis wird: Montagmorgen, Quartalsende – und jedes Mal, wenn jemand „kurz“ schreibt.
„Hast du kurz?“ ist der Anfang jeder Prioritätenkrise. Denn „kurz“ meint selten Zeit, sondern Zugriff. Zugriff auf Aufmerksamkeit, auf Entscheidungen, auf Energie. Und plötzlich passiert etwas Magisches: Das, was eben noch planbar war, wird „dringend“.
Das Problem ist nicht, dass Menschen zu wenig arbeiten. Das Problem ist, dass Dringlichkeit in vielen Organisationen die Leitwährung geworden ist. Und Dringlichkeit ist ein schlechter Chef.
Dringend ist die Lautstärke, nicht die Wahrheit
Dringend fühlt sich wichtig an, weil es im Körper klickt: Puls hoch, Fokus eng, Handlung sofort. Dringend ist die Push-Nachricht im Kopf. Der rote Punkt, der nicht weggeht. Der Kollege, der im Slack-Channel „??“ hinterherschiebt, als wäre ein Fragezeichen ein Projektplan.
Dringend ist oft:
- ein Symptom (weil etwas vorher nicht entschieden wurde),
- eine Störung (weil Prozesse wackeln),
- oder eine Verlagerung (weil jemand anders gerade nicht liefern kann).
Dringend ist nützlich – aber nur als Alarm. Wer dauerhaft auf Alarm arbeitet, baut keine Ergebnisse. Er verwaltet nur Brandherde.
Wichtig ist das, was immer „morgen“ kommt
Wichtig sind die Dinge, die man in Meetings gerne sagt: Strategie, Kundenbindung, Qualität, Kultur, Innovation, Veränderung. Wichtig ist auch die eigene Entwicklung, die Dokumentation, die saubere Übergabe, das Gespräch mit dem Mitarbeiter, das seit drei Wochen „dringend“ auf der Liste steht – aber nie dringend genug war, um heute zu passieren.
Das Tragische an „wichtig“: Es ist oft zu groß, um sofort anzufangen, und zu ruhig, um Aufmerksamkeit zu bekommen.
Wichtig ist wie Sport: Jeder weiß, dass es gut wäre. Aber die Couch hat bessere Kommunikation.
Richtig ist das, was wirkt
Und dann gibt es „richtig“. Richtig ist die Kategorie, die nicht moralisch klingt, sondern technisch: wirksam. Richtig ist das, was den nächsten echten Schritt Richtung Ziel möglich macht – gerade in Projekten und Veränderungsvorhaben.
Richtig ist nicht immer angenehm. Richtig ist manchmal:
- etwas stoppen, das „schon viel gekostet hat“,
- etwas vereinfachen, das intern als heilig gilt,
- eine Entscheidung treffen, die man gerne noch zwei Wochen vertagen würde,
- oder ehrlich sagen: „Dafür haben wir gerade keine Kapazität.“
Richtig ist selten spektakulär – aber es ist die einzige Kategorie, die zuverlässig liefert.
Warum Veränderung oft scheitert: Weil „dringend“ das Projekt frisst
Organisationsentwicklung klingt in PowerPoints immer sehr erwachsen. In der Realität ist sie eine zarte Pflanze, die zuverlässig stirbt, wenn sie dauerhaft zwischen Ad-hoc-Anfragen eingeklemmt wird.
Das Change-Projekt scheitert nicht, weil die Idee schlecht war. Es scheitert, weil „dringend“ jeden Tag das Steuer übernimmt. Dann wird aus Veränderung ein Nebenjob. Und Nebenjobs gewinnen selten gegen das Tagesgeschäft.
Die ehrlichste Prioritätenfrage der Welt
Wenn du nur einen Satz aus dieser Kolumne mitnehmen willst, dann diesen:
„Was ist heute das Richtige – selbst wenn zehn Dinge wichtig sind?“
Richtig hat eine Härte, die wichtig nicht hat. Richtig zwingt zur Auswahl. Wichtig lädt zum Sammeln ein. Dringend zwingt zur Reaktion.
Richtig zwingt zur Führung.
Die kleine Befreiung: Dringend darf existieren – aber nicht regieren
Dringendes wird nie verschwinden. Es gehört zum Betrieb wie Regen zu Hamburg. Aber es muss einen Platz haben – sonst wird es zur Kultur.
Wer Projekte wirklich voranbringen will, braucht weniger „neue Tools“ und mehr Mut zu einer unsexy Entscheidung: Fokus. Nicht als Spruch. Als Praxis. Als „Heute liefern wir das – und lassen den Rest liegen.“
Denn am Ende sind es nicht die 100 kleinen Reaktionen, die Unternehmen wettbewerbsfähig machen. Es sind die wenigen richtigen Schritte, die tatsächlich etwas verändern.







